Der Fachkräftemangel im IT-Sektor ist real und muss durch Anstrengungen in der Bildungspolitik und eine erleichterte Zuwanderung qualifizierter Fachkräfte aus dem Ausland gelindert werden. Darauf machte der Hightech-Verband BITKOM vor dem Treffen des Koalitionssauschusses der Bundesregierung zum Thema Zuwanderung aufmerksam und veröffentlichte hierzu diese Presseinformation. „Deutschland muss den Wettbewerb um die besten Köpfen endlich annehmen“, sagte BITKOM-Präsident Prof. Dr. August-Wilhelm Scheer. Derzeit sei Deutschland de facto ein Auswanderungsland, wie aktuelle Studien belegen. „Wir haben derzeit ein Abschreckungsrecht gegen Zuwanderung“, sagte Scheer. Die Regelungen seien zu restriktiv und zu bürokratisch. Vorrangprüfungen, hohe Gehaltsgrenzen und sonstige Restriktionen würden dazu führen, dass nur wenige Menschen davon Gebrauch machen. Scheer: „Das Zuwanderungsrecht muss dringend reformiert werden.“
Derzeit gibt es rund 28.000 offene Stellen für IT-Fachkräfte in der deutschen Wirtschaft. In den Aufschwungjahren 2007 und 2008 lag diese Zahl bei jeweils über 40.000. „Im IT-Sektor herrscht Vollbeschäftigung“, sagte Scheer. Allein seit dem Jahr 2007 sind in der IT-Branche, trotz der Krise im Vorjahr, rund 50.000 zusätzliche Arbeitsplätze entstanden. Die Hälfte der IT-Unternehmen sagt in einer aktuellen BITKOM-Umfrage, dass ein Fachkräftemangel bei IT-Experten herrscht. „Einen Engpass an IT-Experten gibt es vor allem bei Hochqualifizierten“, sagte Scheer. Da der Bedarf an Fachkräften mit Hochschulabschluss in den kommenden Jahren laut Umfrage steigt, werde sich das Problem verschärfen. Derzeit verlassen in Deutschland rund 15.000 Absolventen im Fach Informatik die Hochschulen. Den Bedarf in Wirtschaft, öffentlichen Verwaltungen und anderen Organisationen schätzt der BITKOM auf weit über 20.000. Die Auffassung einzelner Wirtschaftsforscher, dass aktuell kein Fachkräftemangel herrsche, verkennt daher aus Sicht des BITKOM die Realität des ITK-Arbeitsmarktes.
Neben einer modernen Bildungspolitik kann eine weniger restriktive Zuwanderungspolitik einen Beitrag zur Linderung des Fachkräftemangels leisten. Dazu macht der BITKOM folgende, konkrete Vorschläge:
- Wegfall der Vorrangprüfung: Bei IT-Experten und Ingenieuren, in denen der Engpass besonders groß ist, sollte auf die Vorrangprüfung verzichtet werden.
- Senkung der Einkommensgrenzen: Das Mindesteinkommen für den Erhalt einer dauerhaften Niederlassungserlaubnis sollte von 66.000 Euro im Jahr auf rund 40.000 Euro gesenkt werden. Das entspricht etwa dem Einstiegsgehalt von Informatikern und Ingenieuren.
- Erleichterungen für Studierende: Wer in Deutschland ein Studium abschließt, sollte zwei Jahre Zeit haben, hier einen adäquaten Job zu finden. Bisher haben Hochschulabsolventen nur ein Jahr Zeit.
- Einführung eines Punktesystems: Zusätzlich sollte ein Punktesystem den Zuzug von Fachkräften ermöglichen. Danach kann eine begrenzte Zahl von Hochqualifizierten auch ohne vorliegenden Arbeitsvertrag nach Deutschland einwandern, wenn sie Kriterien wie Qualifikation, Alter oder Sprachkenntnisse erfüllen. Die Kriterien und die Zahl der Zuwanderer werden je nach Bedarf und konjunktureller Lage festgelegt.
- Start einer internationalen Marketingkampagne „Study and Work in Germany”: Die bestehenden Möglichkeiten der Zuwanderung müssen im Ausland aktiv beworben werden. Dazu sollten die wichtigsten Informationen zentral und mehrsprachig aufbereitet werden.
Dafür, dass nicht nur das Zuwanderungsrecht sondern auch die Bildungspolitik einer Reform bedarf, um die Grundvoraussetzungen für künftige IT-Fachkräfte zu schaffen, und BITKOM hier zurecht eine Modernisierung fordert, spricht eine BITKOM-Umfrage, die das Marktforschungsinstitut Forsa im Auftrag des Verbandes durchgeführt hat und bei der 500 Schülerinnen und Schüler im Alter von 14 bis 19 Jahren befragt wurden.
Danach kommt der PC bei 43 Prozent aller Schüler im Unterricht entweder gar nicht oder seltener als einmal pro Woche zum Einsatz. Erst 15 Prozent aller Schüler nutzen den Computer täglich in der Schule, 41 Prozent mindestens einmal pro Woche.
"Computer und Internet sind zwar an allen Schulen vorhanden, von einem regelmäßigen Einsatz kann bisher aber keine Rede sein", sagte BITKOM-Präsident Prof. Dr. August-Wilhelm Scheer bei der Vorstellung der Studienergebnisse in Berlin. "Die Schulen drohen sich immer weiter von der Lebenswirklich ihrer Schüler zu entfernen." So besitzen heute 95 Prozent aller Jugendlichen ein Handy und 99 Prozent nutzen das Internet. Drei Viertel aller Schüler machen regelmäßig Hausaufgaben am PC.
Nach den Ergebnissen der BITKOM-Umfrage wünschen sich 84 Prozent der Schüler, dass elektronische Medien verstärkt im Unterricht eingesetzt werden. 92 Prozent sagen, dass neue Medien Schulstunden interessanter machen und 79 Prozent, dass sie zum besseren Verständnis der Lehrinhalte beitragen. Gleichzeitig sagen zwei Drittel der Schüler, dass ihre Lehrer besser für die Verwendung neuer Medien im Unterricht geschult werden sollten. Fast die Hälfte (44 Prozent) meint, dass viele Lehrer einfach keine Lust hätten, Computer und Internet im Unterricht einzusetzen.
In der Untersuchung zeigte sich, dass die Schulen die Funktionen und Anwendungsmöglichkeiten der vorhandenen Technik bisher unzureichend nutzen. Scheer: "Die Geräte fristen allzuoft ein Mauerblümchendasein und werden nur für einfachste Anwendungen eingesetzt." 88 Prozent der Schülerinnen und Schüler suchen im Web nach fachlichen Informationen. 82 Prozent präsentieren ihre Lernergebnisse vor der Klasse am PC und nutzen in der Regel Projektionsgeräte (Beamer), die inzwischen in den meisten Schulen vorhanden sind. Spezielle Lernprogramme nutzt die Hälfte der Schüler, lediglich jeder Dritte programmiert im Unterricht, gerade einmal ein Fünftel (18 Prozent) gestaltet in der Schule Webseiten. Scheer: "Die Schülerinnen und Schüler sollten im Unterricht Kenntnisse im Umgang mit Computer und Internet erwerben, Medienkompetenz entwickeln sowie einen Einblick in die Funktionsweise neuer Technologien erhalten."
Aus Sicht des BITKOM verlangt der Arbeitsmarkt zunehmend nach PC-Kompetenzen, die über reine Anwenderkenntnisse hinausgehen. "Die Schulen müssen mit einem Ausbau des Informatikunterrichts reagieren", forderte Scheer. "Die Einführung von Informatik als Pflichtfach als ist längst überfällig." Nach den Ergebnissen der Umfrage nehmen lediglich 59 Prozent der Schüler am Informatikunterricht teil. Das sind 7 Prozentpunkte mehr als vor drei Jahren. Unterschiede gibt es zwischen Jungen und Mädchen: Zwei Drittel der Jungen und nur die Hälfte der Mädchen besucht den Informatikunterricht. Gleichzeitig befürwortet eine Mehrheit von 53 Prozent der Schülerinnen und Schüler Informatik als Pflichtfach bereits in der Sekundarstufe I. Nur ein Viertel ist eindeutig dagegen, ein weiteres Viertel ist unentschlossen.
Der BITKOM macht Vorschläge, wie Politik und Schulträger den Einsatz von Computer und Internet im Unterricht forcieren sollten.
- Voraussetzung für einen regelmäßigen Einsatz neuer Medien im Unterricht ist eine bessere Ausstattung der Schulen. Alle Klassenräume sollten mit interaktiven Tafeln, so genannten Whiteboards, ausgerüstet werden und über einen schnellen Internetzugang verfügen. In der Umfrage geben nur ein Drittel der Schüler an, dass in ihrer Schule Whiteboards genutzt werden. "Statt in separaten Computerräumen sollten Schüler verstärkt mit mobilen Laptops und Tablet-PCs arbeiten", sagte Scheer.
- Schulbücher sollten durch eBooks ergänzt werden. Neben Texten und Bildern enthalten sie Filme sowie interaktive Lernprogramme und Tests. Zudem können sie jederzeit aktualisiert werden. Der modulare Aufbau digitaler Schulbücher ermöglicht es, unterschiedlichste Lerninhalte zu integrieren und damit Schüler individuell zu fördern.
- Bei der Gestaltung neuer Unterrichtsformen sollten Gruppenarbeit und Selbststeuerung im Mittelpunkt stehen. Die Schüler sollten lernen, sich Wissen selbst zu erschließen, die Inhalte gemeinschaftlich zu erarbeiten und kritisch zu hinterfragen. Die neuen Medien sind hier Mittel zum Zweck.
- Die Fächer Mathematik, Informatik und Naturwissenschaften sollten künftig ein Drittel des gesamten Unterrichts ausmachen. Bisher ist es im Schnitt der Bundesländer etwa ein Viertel. Informatik sollte Pflichtfach von der fünften bis zur zehnten Klasse werden.
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