Mehr Abiturienten, mehr Studenten, mehr Akademiker - jedes Jahr steigen die Zahlen. Politiker brüsten sich dann damit, dass es aufwärts geht in der Bildungsrepublik Deutschland. Sie preisen die Reformen, mit denen sie die Schulen und Hochschulen in den vergangenen Jahren umgebaut haben. Doch: Von Chancengleichheit kann keine Rede sein: Kinder aus bildungsfernen Familien in Deutschland schaffen es viel seltener ans Gymnasium und ins Studium als Mitschüler aus dem Bildungsbürgertum. Eine neue Studie des Mannheimer Zentrums für europäische Sozialforschung im Auftrag der Vodafone Stiftung zeigt: Noch immer sind die „Zugangswege zum Studium sozial selektiv“ und selbst wer sich das Abitur erkämpft hat, setzt lieber auf eine Berufsausbildung.
Akademikerkinder verfügten über eine etwa sechsmal so hohe Chance, ein Studium aufzunehmen wie Kinder von Eltern ohne Hochschulabschluss, heißt es in der am 10. September 2012 veröffentlichten Untersuchung. Zwar erwerben laut Studie heute deutlich mehr Arbeiterkinder eine Hochschulzugangsberechtigung als noch in den 70er oder 80er Jahren. Der Großteil der Bildungsfernen schaffe diese Berechtigung über alternative Wege, wie vor allem über Fachschulen, Kollegs und berufsbildende Schulen. Der Ausbau der Gymnasien dagegen sei für diese Kinder „nicht zum Türöffner“ zu mehr Chancengerechtigkeit geworden, und nur ein zunehmend geringer Anteil der jungen Menschen aus diesen bildungsfernen Schichten mache anschließend von seiner Studienberechtigung auch Gebrauch. Schuld sind laut der Studie das soziale Umfeld der jungen Erwachsenen und die gestiegenen Anforderungen an Auszubildende: Bildungsferne Familien neigen eher zu konservativen Entscheidungen, was Ausbildung und Berufswahl angeht - sie gehen eher auf Nummer sicher. Ein Kind an die Uni zu schicken, das ist aus ihrer Sicht ein eher unüberschaubares Unterfangen. Selbst bei sehr guten Schulnoten ihrer Kinder entscheiden sich bildungsferne Familien eher gegen eine Studienkarriere. Dahingegen legen gebildete oder besser verdienende Eltern mehr Wert auf das Erreichen eines hohen Bildungsabschlusses. Für immer mehr Ausbildungsberufe gilt das Abitur als Standardvoraussetzung. Darum entscheiden sich auch Kinder aus bildungsfernen Familien für ein Abitur, selbst wenn sie von vornherein nie ein Studium aufnehmen wollen.
Aus Sicht von Steffen Schindler, Soziologe und Autor der Studie, haben die Reformen der vergangenen Jahre zwar dazu geführt, dass auch Kinder aus bildungsfernen Familien die formalen Voraussetzungen für das Studium erfüllen, also vor allem das Fachabitur machen können. Aber sie setzen oft zu spät an, nämlich oft erst nach der Mittleren Reife: „Zu diesem Zeitpunkt sind viele Ausbildungs- und Lebenspläne schon geschmiedet.“ Die Bildungspolitik müsse viel früher Hemmschwellen abbauen, um Aufsteigern und ihren Familien die Angst vor dem Studium zu nehmen.
Quelle: BBB-Info 10/2012
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